Redakteur: Der Begriff „Peptide“ taucht in Fitnessstudios und sozialen Netzwerken immer häufiger auf. Was verbirgt sich dahinter?
Trainer: Vereinfacht gesagt sind Peptide kurze Verbindungen aus Aminosäuren. Der menschliche Körper stellt viele davon selbst her. Sie können als Botenstoffe wirken und verschiedene Vorgänge beeinflussen – etwa den Stoffwechsel, die Hormonproduktion und die Erneuerung von Gewebe.
Allerdings wird der Begriff im Sport sehr weit verwendet. Kollagenpeptide aus einem Nahrungsergänzungsmittel haben beispielsweise nur wenig mit hormonell wirksamen oder experimentellen Peptiden gemeinsam. Deshalb sollte man zuerst klären, über welches konkrete Produkt gesprochen wird.
Redakteur: Welche Ergebnisse erhoffen sich Sportler von solchen Produkten?
Trainer: Häufig geht es um schnellere Regeneration, mehr Muskelmasse, weniger Körperfett oder eine bessere Ausdauer. Manche Substanzen sollen die Ausschüttung von Wachstumshormon anregen. Andere beeinflussen Wachstumsprozesse oder die Bildung roter Blutkörperchen.
Kollagenpeptide werden dagegen überwiegend zur Unterstützung von Gelenken, Sehnen und Bändern eingenommen. Sie gehören eher in den Bereich der Ernährung als in den Bereich hormoneller Leistungssteigerung.
Redakteur: Wie lassen sich die wichtigsten Gruppen voneinander unterscheiden?
Trainer: Die folgende Übersicht zeigt die grundlegenden Unterschiede:
| Kategorie | Gewünschter Zweck | Wirkungsbereich | Mögliche Nebenwirkungen |
| Kollagenpeptide | Unterstützung von Sehnen, Bändern und Gelenken | Werden verdaut und liefern Aminosäuren sowie kleine Peptidfragmente | Magenbeschwerden, Übelkeit, allergische Reaktionen |
| Wachstumshormon-Stimulatoren wie CJC-1295, Ipamorelin und GHRP | Muskelaufbau, Fettabbau und Regeneration | Regen die Hypophyse zur Ausschüttung von Wachstumshormon an | Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen, Taubheitsgefühl in den Fingern, stärkerer Appetit, veränderter Blutzucker |
| Wachstumshormon und IGF-1 | Förderung von Gewebewachstum und anabolen Prozessen | Wirken unter anderem auf Muskulatur, Knochen und Stoffwechsel | Gelenkbeschwerden, Wassereinlagerungen, verringerte Insulinempfindlichkeit |
| EPO und vergleichbare Wirkstoffe | Steigerung der Ausdauerleistung | Fördern die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark | Kopfschmerzen, erhöhter Blutdruck, Hautrötungen |
| TB-500 und ähnliche experimentelle Peptide | Unterstützung der Erholung von Muskeln, Sehnen und Bändern | Werden mit Zellbewegung und Gewebeerneuerung in Verbindung gebracht | Das vollständige Nebenwirkungsprofil ist nicht bekannt |
Redakteur: Kann man davon ausgehen, dass diese Mittel zuverlässig funktionieren?
Trainer: Eine pauschale Antwort wäre unseriös. Bei einigen Peptidhormonen ist eine deutliche Wirkung auf den menschlichen Körper nachgewiesen. Bestimmte Wirkstoffe werden deshalb auch medizinisch eingesetzt – allerdings für klar definierte Erkrankungen und unter ärztlicher Kontrolle.
Bei vielen Produkten, die im Fitnessbereich als Regenerations- oder Muskelaufbaupeptide beworben werden, ist die Studienlage deutlich schwächer. Ergebnisse aus Zellversuchen oder Tierstudien lassen sich nicht ohne Weiteres auf gesunde Menschen übertragen. Auch persönliche Erfahrungsberichte sind kein eindeutiger Wirksamkeitsnachweis.
Redakteur: In welchen Formen werden Peptide angeboten?
Trainer: Kollagenpeptide findet man meist als Pulver, Kapseln oder fertige Getränke. Sie werden oral eingenommen und im Verdauungssystem verarbeitet.
Viele hormonell wirksame und experimentelle Peptide de werden dagegen als Injektionsprodukte angeboten. Der Grund dafür ist, dass bestimmte Peptide bei einer oralen Einnahme im Verdauungstrakt zerlegt würden. Wie ein medizinischer Wirkstoff angewendet wird, hängt jedoch vom konkreten Präparat ab. Injektionsstelle, Dosierung und Behandlungsdauer gehören in die Hände einer medizinischen Fachkraft.
Redakteur: Warum kann man Peptide nicht einfach mit Proteinpulver gleichsetzen?
Trainer: Proteinpulver ist in erster Linie ein Lebensmittel beziehungsweise eine konzentrierte Eiweißquelle. Der Körper zerlegt das Protein und verwendet die enthaltenen Aminosäuren zum Aufbau eigener Strukturen.
Auch Kollagenpeptide liefern Eiweißbestandteile, besitzen jedoch ein spezielles Aminosäureprofil. Hormonelle Peptide funktionieren grundsätzlich anders: Sie übermitteln biologische Signale oder regen die Freisetzung bestimmter Hormone an. Ein Proteinshake ist deshalb nicht mit CJC-1295, IGF-1 oder EPO vergleichbar.
Redakteur: Welche Begleiterscheinungen können bei der Anwendung auftreten?
Trainer: Das hängt stark vom Wirkstoff, der Menge, der Anwendungsdauer und dem Gesundheitszustand ab. Genannt werden unter anderem Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen, Gelenkbeschwerden, Appetitveränderungen, Taubheitsgefühle, ein erhöhter Blutdruck und Schwankungen des Blutzuckers.
Bei experimentellen Produkten fehlen häufig ausreichende Daten aus Untersuchungen am Menschen. Deshalb ist möglicherweise noch nicht das gesamte Spektrum der Nebenwirkungen bekannt. Bei Mischprodukten muss außerdem jeder einzelne Bestandteil berücksichtigt werden.
Redakteur: Welche Bedeutung haben Peptide im Wettkampfsport?
Trainer: Hier muss sehr genau unterschieden werden. Gewöhnliche Kollagenpeptide und normale Eiweißprodukte gelten nicht automatisch als Dopingmittel. Viele Peptidhormone, Wachstumsfaktoren und Substanzen, die deren Ausschüttung fördern, sind nach den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur jedoch jederzeit verboten – sowohl innerhalb als auch außerhalb eines Wettkampfs.
Auf der WADA-Verbotsliste 2026 stehen unter anderem Wachstumshormon, IGF-1, EPO, CJC-1295, Ipamorelin, verschiedene GHRP und TB-500. Wird ein verbotener Wirkstoff aus medizinischen Gründen benötigt, kann eine Medizinische Ausnahmegenehmigung erforderlich sein.
Redakteur: Was sollte jemand prüfen, bevor er sich näher mit einem solchen Produkt beschäftigt?
Trainer: Der Produktname allein reicht nicht aus. Entscheidend sind die genaue Substanz, die Zusammensetzung, der vorgesehene Zweck, mögliche Nebenwirkungen und – bei Wettkampfsportlern – der aktuelle Anti-Doping-Status.
Ein Trainer ist für Trainingssteuerung, Ernährung und Regenerationsplanung zuständig. Die Beurteilung und Anwendung hormonell wirksamer Präparate sollte dagegen durch einen qualifizierten Arzt erfolgen.

